Artikel

Maria 1.0 im Gespräch - „Dubium“ an Glaubenskongregation

CNA berichtete am 10.06.2021, dass ein „Dubium“ vorgelegt wurde. Wir haben den Mitinitiator, Herrn Wiechmann, als Interviewpartner gewinnen können. Am 23.05.2021 entschloss er sich mit Gleichgesinnten, ein Dubium auf den Weg zu bringen. Im Dubium werden Zweifel in Bezug auf die Ausrichtung des synodalen Wegs vorgetragen, die Segnung homosexueller Paare gegen das ausdrückliche Verbot der Glaubenskongregation hinterfragt und auch das Predigen von Laien in der Eucharistiefeier aufgegriffen. Die vorgetragenen Zweifel gipfeln in der Frage: „Liegt dann ein Schisma im Sinne des Can. 751 vor?“. Das Interview für Maria 1.0 führte Clara Steinbrecher.

Maria 1.0: Herr Wiechmann erklären Sie kurz unseren Lesern, um was es sich bei einem Dubium überhaupt handelt und was Sie dazu veranlasst hat, ein solches zu formulieren?

Herr Wiechmann: Hallo Frau Steinbrecher, zunächst vielen Dank für Ihr Interesse an dem Dubium und der damit verbundenen Initiative.

Ein Dubium ist eine Anfrage an Rom, in der ein Zweifel in Fragen der Glaubenslehre formuliert wird. Auf eine Antwort (Responsum) aus Rom besteht allerdings kein Rechtsanspruch.

Was hat uns veranlasst, ein Dubium zur formulieren? Dem Dubium ist ein jahrelanger Prozess der Auseinandersetzung mit dem Zustand der katholischen Glaubenssubstanz in der katholischen Kirche in Deutschland vorausgegangen. Bei allen Mitinitiatoren des Dubiums gibt es einen gemeinsamen Nenner: Biografische Erfahrungen mit Polarisierungen in den Pfarrgemeinden, wenn man sich zur katholischen Lehre bekennt und zahlreiche in Gesprächen wahrgenommene Sorgen von Gläubigen in Bezug auf ein Schisma.

Final hat die Sorge um die Einheit der katholischen Kirche in Deutschland mit der Weltkirche das Dubium auf den Weg gebracht.

Maria 1.0: Kommen wir kurz zu Ihrer Person: Welchen Hintergrund haben Sie und was ist für Sie am katholischen Glauben besonders wertvoll?

Herr Wiechmann: Ich bin 42 Jahre jung und komme mitten aus dem Ruhrgebiet. Ich wohne mit meiner Frau in Wattenscheid und komme aus einer gar nicht so katholischen Familie. Den Zugang zum katholischen Glauben habe ich im Rahmen meiner Erstkommunion durch die Liturgie gefunden. Der Ritus, die Gewänder und der Weihrauch haben mich berührt. So habe ich den Zugang gefunden und konnte im Glauben wachsen.

Wertvoll am katholischen Glauben ist für mich die verbindliche Zusage, die Christus uns in den Sakramenten gibt: Seine reale Gegenwart in der heiligen Eucharistie und die Zusage der barmherzigen Vergebung im Bußsakrament sind hier großartige Beispiele. Die katholische Kirche gibt meinem Leben so eine Struktur und durch die Sakramente auch viel Kraft. Das Wertvollste ist aber ohne jeden Zweifel die Möglichkeit der realen Begegnung mit Christus im Sakrament der Eucharistie.

Maria 1.0: Wie würden Sie die Situation der Kirche im Bistum Essen, aus dem Sie ja stammen, betrachten? Geben Sie uns doch einen kurzen Abriss über die Situation in Ihrer Diözese?

Herr Wiechmann: Das ist eine spannende Frage. Die Situation hat sich aus meiner Perspektive in den letzten Jahren sehr gewandelt. Ich würde hier sogar von einer Erosion reden. Die Positionen von Bischof und Generalvikar in Bezug auf das Verbot Segnung homosexueller Paare sind hier nur ein Beispiel. Natürlich zählt hierzu auch die fortgeführte Debatte um die Weihe von Frauen zu Priestern. Das bringt nur Verwirrung, da Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von 1994 erklärt hat, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen zu Priestern zu weihen.

Wichtig ist aber auch die konkrete Situation in den Gemeinden. Hier lässt sich die Erosion gerade beim Bußsakrament aufzeigen. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wann und wo ich in Wattenscheid zur Beichte gehen kann. Die Liturgie wird in den Gemeinden oft nicht nach den Büchern der Kirche gefeiert. Ich hatte hier Allerseelen mal ein sehr einprägsames Erlebnis. In der heiligen Messe (die in weißer Farbe zelebriert wurde) wurden die Amtsgebete des Priesters von einem Gemeindereferenten gesprochen. Das ist sehr problematisch, da die Liturgie auch unseren Glauben ausdrückt und aus meiner Sicht auch eine Anziehungskraft hat. Für eine heilige Messe, gefeiert nach den Büchern der Kirche, muss man weit fahren…

Maria 1.0: Welche konkrete Hoffnung verbinden Sie mit Ihrer „Initiative Dubium“, und für wie wahrscheinlich halten Sie eine Antwort aus Rom?

Herr Wiechmann: Grundsätzlich haben wir keinen Rechtsanspruch auf eine Antwort aus Rom. Gleichzeitig hoffen wir natürlich auf eine Antwort. Eine Antwort ist aus unserer Sicht wichtig, um die vielen Fragezeichen zu klären. Die aktuelle Situation sorgt für zu viele Verwirrungen und Polarisierungen und birgt so die reale Gefahr einer Spaltung. Daher hoffen wir auf eine Antwort aus Rom und beten auch darum.

Maria 1.0: Viele Leser fragen sich wahrscheinlich, ob eine solche Initiative nicht zu weit geht und somit einen möglichen Dialog zunichtemachen würde. Es ist sogar von „Ungehorsam“ die Rede. Was würden Sie auf diese Vorwürfe entgegnen?

Herr Wiechmann: Diese Frage wurde uns in den letzten Tagen in der Tat oft gestellt. Hier formulierten Gläubige auch offen ihre Sorge. Zum Glück ist die Antwort sehr einfach: Nein, es ist kein „Ungehorsam“. Zur Frage des Gehorsams gegenüber den Bischöfen ist Can. 392 § 1 einschlägig. Der Text weist darauf hin, dass der Bischof die Einheit mit der Gesamtkirche wahren muss. Ein Bischof, der die in dem Dubium aufgeführten Rechtsbrüche befürwortet, kommt dieser Verpflichtung und Aufgabe nicht nach, er stellt sich gegen die Einheit der Kirche. Außerdem bricht er den anlässlich seiner Weihe abgelegten Amtseid. Ein Bischof kann und darf nichts verlangen, was universalkirchlich verboten ist. Die Initiative unterstützt Bischöfe, die die Einheit in Lehre und Disziplin mit Papst und Gesamtkirche wahren.

Maria 1.0: Die deutsche Kirche entschloss sich im März 2019 den sogenannten synodalen Weg zu beschreiten. Wie schätzen Sie diesen Prozess ein? Kann der synodale Weg aus Ihrer Sicht notwendige Veränderungen für die Kirche in unserem Land bringen?

Herr Wiechmann: Frau Steinbrecher, der synodale Weg hat einen grundsätzlichen, handwerklichen Konstruktionsschaden. Der Fokus liegt auf kirchenpolitischen Themen, die nicht isoliert von der Weltkirche betrachtet werden können. Somit wird das Ergebnis, so wie ja auch schon der aktuelle Prozess, viel Frust mit sich bringen.

Die reformorientierten Katholiken werden enttäuscht. Ihre Forderungen lassen sich nicht durchsetzen. Gleichzeitig sind die lehramtstreuen Katholiken schon über den Prozess selbst enttäuscht. Frust auf beiden Seiten!

Wäre eine konkrete Neuevangelisierung das Fundament eines solchen Weges, getragen von der Treue zum Evangelium und der Tradition, dann könnte ein solcher Weg auch fruchtbar sein. Dieser Fokus wurde aber abgelehnt.

Maria 1.0: Welche Reformen sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit die Botschaft vom auferstandenen Herrn wieder mehr Menschen erreicht? Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Reform sofort durchzusetzen, welche wäre das und warum?

Herr Wiechmann: Das Stichwort „Neuevangelisierung“ ist schon gefallen. Das ist eine ganz konkrete Möglichkeit, die Botschaft vom auferstandenen Herrn wieder zu den Menschen zu bringen. Hier kann man dann auch ruhig moderne Formate wie z.B. Podcasts einbinden.

Es bedarf auch einer Katechese in den Gemeinden. So kann ein Verständnis rund um die wichtigen Fragen des Glaubens vertieft werden: Was ist das Messopfer? Warum kann die heilige Kommunion nicht im Zustand schwerer Sünde empfangen werden? Welchen unfassbaren Wert hat das Sakrament der heiligen Beichte für uns?

Hier müssen die Zusammenhänge verstärkt aufgezeigt werden. Dann verstehen die Gläubigen auch tiefer, warum es z.B. Regeln in Bezug auf die Ehe gibt oder warum wir Abtreibung nur ablehnen können.

Und zuletzt muss eine würdige Liturgie wieder entdeckt werden. Die Schönheit der Liturgie hat eine enorme Strahlkraft und kann begeistern. So wird dann auch ein tieferer Zugang zum Glauben eröffnet.

Maria 1.0: Vielfach hört man den markigen Satz „ecclesia semper reformanda“ – die Kirche ist immer zu reformieren - aber aus welchem Geist müssen Ihrer Meinung diese Reformen kommen?

Herr Wiechmann: Eine sehr wichtige Frage. Gerade weil in der öffentlichen Diskussion der Begriff „Reform“ immer oberflächlich in eine bestimmte Richtung interpretiert wird. Das wird dem Begriff an sich nicht gerecht. Lassen Sie uns einmal das Wort „Reform“ im Lateinischen betrachten:

„Re“ lässt sich mit „Zurück“ übersetzen, „Form“ mit „Bildung“. Sinnhaft kann man das mit Wiederherstellung deuten. Die Kirche braucht eine Reform, eine Wiederherstellung. Anders als bei Martin Luther, der etwas Neues geschaffen hat, losgelöst von den Wurzeln. Reform, Wiederherstellung heißt: Gott sandte seinen Sohn Jesus Christus in die Welt, um durch Ihn seinen Heilsweg zu offenbaren, die Kirche zu stiften und durch sie Menschen zum Lob Gottes, zur Erfüllung des Willens Gottes und dadurch in den Himmel zu führen. Kirche ist Heilswerkzeug Gottes. Sie ist immer wieder dort herzustellen, wo sie von diesem Weg abdriftet, wo die Wahrheit Gottes angegriffen oder entstellt wird, wo die Sakramente, die von Jesus Christus gestiftet sind, angezweifelt oder nicht mehr gültig gefeiert werden, wo das, was im Abendmahlssaal geschah, die Einsetzung der Eucharistie und das Priestertum, angegriffen und angeprangert wird.

Es gäbe noch viele weitere Beispiele zu nennen, da die Kirche aus Bibel, Lehramt und Tradition lebt. Und im Geiste dieser drei Säulen Schrift, Lehramt und Tradition kann eine Reform fruchtbar sein und die Seelen in den Himmel führen.

Maria 1.0 bedankt sich herzlich für das Gespräch mit Ihnen!

Herr Wiechmann: Danke ebenso für die Möglichkeit!


Quellenangaben laut „Codex des kanonischen Rechtes“ aus www.vatican.va :

„Can. 392 § 1: Da er die Einheit der Gesamtkirche wahren muss, ist der Bischof gehalten, die gemeinsame Ordnung der ganzen Kirche zu fördern und deshalb auf die Befolgung aller kirchlichen Gesetze zu drängen.“

„Can. 751: Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer kraft göttlichen und katholischen Glaubens zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit; Apostasie nennt man die Ablehnung des christlichen Glaubens im Ganzen; Schisma nennt man die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche.“