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Maria 1.0 im Gespräch mit Direktor Aaron Lewin

Maria 1.0: Sie sind der Direktor von „Juden für Jesus“ in Deutschland. Stellen Sie unseren Lesern doch einmal dar, um was es sich dabei genau handelt und welche Aufgaben Sie in dieser Funktion haben.

Aaron Lewin: Das Konzept von Juden für Jesus ist eigentlich ganz einfach: Wir sind Juden, die für Jesus sind und wir wünschen uns, dass andere Juden auch für Jesus sind! Der Grund dafür ist, dass Jesus unser Leben durch seinen Tod und seine Auferstehung verändert hat, und wir wollen diese wunderbare Botschaft an andere jüdische Menschen weitergeben. Das tun wir auf verschiedene Art und Weise – durch Einzeltreffen, Events, Videos, usw. Es ist uns aber auch wichtig, dass Christen die jüdische Wurzel ihres Glaubens entdecken. Das hilft, Jesus besser zu verstehen und bewahrt auch vor Antisemitismus.

Maria 1.0: Das „Apostolische Glaubensbekenntnis“ (auchCredo genannt) stellt eine kurze Zusammenfassung der Glaubensinhalte des Christentums dar. Die meisten christlichen Konfessionen bzw. Denominationen weltweit, die dieses frühe christliche Bekenntnis unterschreiben können, werden als „Christen“ bezeichnet. Wie stehen messianische Juden zu diesem frühchristlichen Credo?

Aaron Lewin: Messianische Juden sind sehr unterschiedlich, deswegen kann ich nicht im Namen aller die Frage beantworten. Aber für mich persönlich kann ich sagen, dass ich an diesem Credo festhalte. Man sollte nicht vergessen, dass die ersten Christen alle Juden waren. Und auch wenn dieses Credo nicht direkt von messianischen Juden verfasst wurde, kann man davon ausgehen, dass sie einen Einfluss darauf hatten.

Maria 1.0:In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen; heißt es knapp in der Apostelgeschichte (11,26). Dieser „Name“ wurde zu einer gängigen Bezeichnung sowohl von Juden als auch von Nichtjuden, die an Jesus glauben. Im ersten Korintherbrief (12,13) schreibt Paulus davon, dass „alle in einen einzigen Leib aufgenommen“ wurden, „Juden und Griechen, Sklaven und Freie“. Aus welchem Grund vermeiden jesus-gläubige Juden es gewöhnlich, als „Christen“ bezeichnet zu werden, und heben sie sich nicht damit vom Gedanken des einen Leibes ab?

Aaron Lewin: Etiketten und Labels sind wichtig, weil sie etwas mit Identität zu tun haben. Einige messianische Juden haben kein Problem mit dem Label „Christ“, wenn es richtig verstanden wird: Ein Nachfolger des Messias. Denn letztendlich ist das Wort „Christ“ aus dem griechischen Wort „Christos“ abgeleitet, welches ein jüdisches, alttestamentliches Konzept übersetzt, nämlich "der Gesalbte". Man könnte Christen also ebenso „messianisch“ nennen, denn schließlich handelt es sich um das Gleiche, nur eben in einer anderen Sprache. Aber für jüdische Menschen ist der Begriff „Christ“ wegen der antisemitischen „christlichen“ Geschichte ziemlich emotional belastet und für die meisten Juden ein Synonym für „Nicht-Jude“. Wenn ich meinem Volk sagen würde: „Ich bin Christ geworden“, dann wird es so verstanden, dass ich es verlassen und verraten habe und mich nun nicht mehr als Teil davon zähle. Für mich stimmt das natürlich nicht. Der Vers aus dem Korintherbrief ist ein oft missverstandener Text. In Jesus sind wir ja eins, wie Paulus in Epheser 2 klar und deutlich erklärt. Und trotzdem nannte sich Paulus in der Apostelgeschichte 21,39 und 22,3 „Jude“. Ist das Heuchelei? Nein! Er redet einfach über seinen kulturellen und ethnischen Hintergrund, der ihm sehr wichtig ist. Wenn ein Deutscher zum Glauben an Jesus kommt, ist er dann nicht mehr Deutsch? Darf er keine Bratwurst mehr essen? Natürlich nicht!

Im Messias sind wir eins, und es gibt nur einen Weg zur Errettung für Juden und Nicht-Juden: Jesus. Aber andererseits will Gott nicht, dass wir unsere kulturellen und ethnischen Identitäten verlieren. Letztendlich ist es klar zu ersehen (siehe Offenbarung 5,9), dass Gott unsere kulturellen Unterschiede nicht nur erlaubt, sondern dass sie auch gewollt sind und gefeiert werden sollen.

Maria 1.0: Ist (und, wenn ja, inwieweit) das Erbe der protestantischen Reformatoren der frühen Neuzeit für die jüdisch-messianische Theologie prägend?

Aaron Lewin: Die jüdisch-messianische Theologie ist sehr divers. Die Reformation und die Theologie der Reformatoren haben natürlich viel Einfluss auf einem bestimmten Sektor des messianischen Judentums, wie zum Beispiel auch bei uns "Juden für Jesus". Andere jüdisch-messianische Gruppen sind weniger bis gar nicht beeinflusst. Dann gibt es messianische Gruppen, die eher von der katholischen Theologie oder von der Theologie des orthodoxen Judentums beeinflusst sind. Normalerweise hat es etwas damit zu tun, wer der Gründer der einen oder anderen Gruppe ist. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das die theologische Bandbreite des messianischen Judentums darstellt, heißt „Messianisch-jüdische Theologie verstehen“ von Richard Harvey und ist bei uns erhältlich.

Maria 1.0: In der katholischen und orthodoxen Kirche wird Maria (hebr. Mirjam), die Mutter des Messias, seit den frühen Jahrhunderten unter allen Menschen besonders geehrt. Sie gilt als das reinste Gefäß, das Gott aus Gnade völlig rein geschaffen hat, um darin Wohnung zu nehmen und in die Welt zu kommen, weshalb sie theologisch auch als „Gottesgebärerin“ oder „Gottesmutter“ bezeichnet wird. In vielen protestantischen Glaubensgemeinschaften wird Maria hingegen eher als eine beliebige Frau angesehen. Wie stehen messianische Juden zur Mutter des Messias?

Aaron Lewin: Wiederum kann ich nur meine persönliche Meinung dazu geben und nicht für alle messianische Juden sprechen. Wenn ich das Neue Testament anschaue, entdecke ich, dass Mirjam (Maria) in Lukas 1,42 gesegnet wird: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“ Das heißt für mich nicht, dass sie einfach eine beliebige Frau ist. Durch die Evangelien hindurch sehen wir, dass sie eine demütige Dienerin des Herrn ist. Sie hat eine besondere Berufung von Gott bekommen und wird für immer und ewig dafür erinnert und geehrt. Ich bin aber der Meinung, dass man diese Verehrung zu weit treiben kann. Mirjam war in dem Sinne eine Frau wie alle anderen Frauen und ein Mensch wie alle anderen Menschen – sie hatte eine sündige Natur [ nach Ansicht bzw. Meinung von Herrn Aaron Lewin, aber natürlich nicht nach römisch-katholischem Verständnis ]. Genau deswegen ist es eine besonders große Gnade, dass Gott seinen Sohn durch sie zur Welt gebracht hat.

Maria 1.0: Christen feiern weltweit den Wochentag, an dem Jesus Christus auferstanden ist, den Sonntag, als den ersten Tag der Woche. Welchen Stellenwert messen messianische Juden dem Sonntag als heiligem Tag bei? Wird der Sonntag neben dem Sabbat unter messianischen Juden gefeiert?

Aaron Lewin: Laut dem bekannten messianisch-jüdischen Lehrer, Arnold Fruchtenbaum, haben die ersten Christen bzw. messianischen Juden beides gefeiert. Sie sind weiterhin in die Synagoge gegangen (bevor sie letztendlich ausgeschlossen worden sind), weil sie Juden waren. Sie wollten unser Volk für Jesus erreichen, aber am Sonntag haben sie sich als Gläubige an Jesus versammelt. Später, als die Kirche weniger jüdisch wurde, war es verboten, den Sabbat zu feiern. Aber auch, wenn wir ins neue Testament schauen, sehen wir, dass die Jünger ihre jüdische Identität behalten haben. Letztendlich wurde der Heilige Geist an einem jüdischen Feiertag, "Schawuot", ausgegossen… In Israel werden heutzutage Gottesdienste, auch messianische Gottesdienste, normalerweise am Samstag gefeiert, weil der Sonntag ein Arbeitstag ist. Ich bin der Meinung, dass jeder diese Frage für sich entscheiden sollte. Wichtig ist, für Jeschua zu leben – und das sollen wir jeden Tag tun!

Maria 1.0: Was würden Sie sich von der Katholischen Kirche und Evangelisch-Lutherischen Kirche im Umgang mit messianisch-jüdischen Glaubensgemeinschaften wünschen?

Aaron Lewin: Ich würde mir viel mehr Dialog und weniger Anfeindung wünschen. Wir sind gewissermaßen eine Brücke zwischen nicht-jüdischen Christen und dem jüdischen Volk und haben viel anzubieten, um Missverständnisse zu beheben und Frieden zu stiften. Stattdessen werden wir immer wieder entweder ignoriert oder als Feinde dargestellt. Das finde ich schade.

Maria 1.0: Die Einheit in Struktur und Theologie ist für die Katholische Kirche prägend. Wie gestaltet sich Einheit unter messianischen Juden aus?

Aaron Lewin: Innerhalb des messianischen Judentums gibt es verschiedene Strömungen. Normalerweise haben die Unterschiede etwas damit zu tun, inwieweit man die Thora, das Gesetz Mose, hält. Das, was uns alle verbindet, ist, dass wir daran glauben, dass Jesus der Messias und für uns der Weg zur Errettung ist.

Maria 1.0: Bekennen alle jesus-gläubigen Juden den Messias Jesus auch als den menschgewordenen Herrn und Gott Israels (vgl. Joh 1,1; Joh 20,28), oder gibt es Ausnahmen?

Aaron Lewin: Einige sogenannte „nicht-trinitarische messianische Juden“ glauben zwar, dass Jesus der Messias ist, aber nicht, dass Er Gott ist. Das ist allerdings eher eine Minderheit, und es ist auch fraglich, ob man sie „messianische Juden“ nennen kann. Meiner Meinung nach ist diese Position biblisch nicht vertretbar.

Maria 1.0: Haben Ihrer Ansicht nach viele nicht-jüdische Christen die jüdische Wurzel ihres Glaubens vergessen?

Aaron Lewin: Ja natürlich. Das heutige Christentum hat sich in vielen Glaubensinhalten von seiner jüdischen Wurzel entfernt und z. T. heidnische und nicht-jüdische Bräuche übernommen. Ich bin sehr für kulturelle Vielfalt, aber leider wurde dieses Vergessen oft zur Wurzel von Hochmut, was nicht selten zu Antisemitismus führte. Und genau davor hat Paulus in Römer 11 gewarnt. Gott ist ja der Gott der ganzen Welt, aber Er hat sich eben durch unser Volk in dieser Welt offenbart. Das sollte man nicht vergessen.

Maria 1.0: Im Römerbrief (11,25-26) wird ausgesagt, dass ganz Israel gerettet wird, wenn „die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist“. Wann wird diese Errettung aus messianisch-jüdischer Perspektive geschehen? Erst zur Wiederkunft Christi?

Aaron Lewin: In Römer 9-11 erklärt Paulus Gottes Plan für die ganze Weltgeschichte. In alttestamentlichen Zeiten - vor Jesu Geburt – waren die meisten Gläubigen jüdisch. Es gab ein paar Ausnahmen, also Nicht- Juden, die zum Glauben an den Gott Israels gekommen sind (wie z.B. Naaman). Aber nach unserer Ablehnung des Messias als jüdisches Volk hat Gott sich den Nationen zugewandt. Deswegen glauben heute viel mehr Nichtjuden als Juden an den Gott Israels. Aber irgendwann, wenn das Evangelium bis ans Ende der Erde gelangt ist und alle die Möglichkeit hatten, das Evangelium zu hören und daran zu glauben, ist die Zeit der Nationen vorbei (wenn „die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist.“) Das heißt, in diesen Tagen kommen Juden zum Glauben an den Messias Jesus (sonst hätte ich ja nicht zum Glauben kommen können!), allerdings nicht in großer Zahl. Ich verbinde Paulus' Aussage in Römer 11,25-26 mit dem Ende von Sacharja 12 und dem Anfang von Kapitel 13, wo steht: [ 12, 10 ] „Aber über das Haus David und über die Einwohner von Jerusalem will ich den Geist der Gnade und des Gebets ausgießen, und sie werden auf mich sehen, den sie durchbohrt haben, ja, sie werden um ihn klagen, wie man klagt um den eingeborenen [Sohn], und sie werden bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich Leid trägt über den Erstgeborenen…[ 13, 1 ] An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner von Jerusalem ein Quell eröffnet sein gegen Sünde und Unreinheit. [ 13, 2 ] Und es soll geschehen an jenem Tag, spricht der HERR der Heerscharen, da will ich die Namen der Götzen aus dem Land ausrotten, dass sie nicht mehr erwähnt werden; auch die Propheten und den Geist der Unreinheit will ich aus dem Land vertreiben.“ (Sach. 12,10 und 13,1-2). Das bedeutet also, wenn die Vollzahl der Nationen [ Aaron Lewin; die Einheitsübersetzung spricht hier von Heiden ] hineingekommen ist, wird Gott sich uns wieder zuwenden und uns diese Offenbarung geben. Dann werden wir zu Ihm rufen, so wie Jesus das vorausgesagt hat in Mt. 23,39, und er wird zurückkommen und uns retten. Ich freue mich so sehr auf diesen Tag!

Maria 1.0: Vielen Dank für Ihre Zeit und diesen spannenden Einblick. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Gruppierung auch in Zukunft viel Heiligen Geist!