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Zweites Interview mit einem Unterzeichner des "Reform-Manifests"

Maria 1.0: Sehr geehrter Monsignore Joachim Schroedel, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen. Sie haben kürzlich das „Reform-Manifest“ (Erklärung siehe unten) unterzeichnet. Könnten Sie unseren Lesern vielleicht zuerst einmal erläutern, wer Sie sind und was Sie tun?

Monsignore Joachim Schroedel: Ich bin zuerst ein ganz einfacher Priester, der seit 38 Jahren die Wahrheit verkündet, wie sie die Kirche lehrt. Das tue ich seit 26 Jahren in einem Umfeld von fast 90% Muslimen. Bis vor 7 Jahren habe ich meinen priesterlichen Dienst für die deutschsprachige Gemeinde in Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon und Sudan sowie in Äthiopien geleistet. Dann erachtete man meinen Dienst nicht mehr für notwendig. Mein damaliger Bischof, Karl Kardinal Lehmann, schlug mir (2015) vor, dass ich als Pensionist weiter - wenigstens in Ägypten - arbeiten könnte. Das nahm ich dankbar für die Gemeinde an.

Maria 1.0: Was sind die Gründe, die Sie bewegt haben, das Reform-Manifest zu unterschrieben?

Monsignore Joachim Schroedel: Was sind die Gründe dafür, dass man das nicht tut? Fast täglich erreichen mich Anfragen von orientalischen Christen und Muslimen, die einfach nicht verstehen, warum die katholische Kirche in Deutschland sich selbst aufgibt. Dogmatisch und moraltheologisch befindet sich die „katholische Kirche Deutschlands“ seit Jahren im Niedergang. Orientale erhoffen sich klare katholische Positionen - aber sie hören nur Äußerungen - von Laien und sogar Bischöfen - die sie zutiefst verunsichern. Erneuter Umbau und Protestantisierung der Liturgie, Relativierung des Ehesakraments, Auflösung der Heiligen Eucharistie als „Gemeinschaftsmahl“, von dem doch keiner ausgeschlossen gehöre… dies und Vieles mehr wird von den Menschen, mit denen ich es zu tun habe, kaum verstanden.

Maria 1.0: Die neun Thesen des Reform-Manifestes stehen im Kontrast zu dem, worüber derzeit auf dem sogenannten "Synodalen Weg" gesprochen wird. Wie ist Ihre Einschätzung zu den jüngsten Entwicklungen auf der Synodalversammlung?

Monsignore Joachim Schroedel: Der Heilige Vater möchte eine Neuevangelisierung. Das hatten die Päpste vor ihm ebenso immer wieder angemahnt. Heute aber wird über Strukturen, Machtverteilung, Ämtergerechtigkeit und vieles Weitere gesprochen. Fragen, die keine spirituelle, sondern strukturelle Bereiche tangieren. Der „synodale Weg“, wie er beschrieben wurde, ist nicht zuletzt durch den neuen Anfang des Heiligen Vaters als nicht hinreichend definiert worden. Er selbst (der Heilige Vater) hatte die Kirche in Deutschland mehrfach ermahnt, und ihr erklärt, was „Erneuerung“ seiner Meinung nach bedeute. Selbst die Bischöfe haben darauf ihre Gehörorgane und ihre Herzen verschlossen. "Neo-Ultramontanismus", so würde ich das theologisch definieren. "Was will denn der Papst; wir finanzieren ihn ja!" Das war etwa in den 1960-/1970-er Jahren die Frage. Heute sorgen sich die Würdenträger um die Finanzierung ihrer „deutsch-katholischen Kirche“. Das darf, um Gottes Willen, nicht sein! Seit 26 Jahren lebe ich an der Front. Die Christen Ägyptens sind treu, und manches Mal märtyrerhaft, wenn es um den Glauben und die Wahrheit geht. Inzwischen haben viele Christen Ägyptens nur noch Verachtung für die so genannte „katholische Kirche" in Deutschland übrig.

Maria 1.0: Was können andere Katholiken, insbesondere Laien, tun, die sich mit den „Reformanliegen“ des "Synodalen Weges" nicht identifizieren können?

Monsignore Joachim Schroedel: Der frontale Angriff dieser Unternehmung, die sich „Synodaler Weg“ nennt (übrigens ist dieser Ausdruck vergleichbar mit „ein weißer Schimmel“, [ Tautologie = Pleonasmus = doppelte Erwähnung eines Sachverhaltes ] denn „Synodos“ heißt ja schon alleine: „gemeinsamer Weg“!), greift tief in den Glauben der Kirche ein. Es werden die Sakramente des Ordo (Weihe), der Heiligsten Eucharistie (Kommunion) und des Heiligen Ehestandes geleugnet oder einer fundamentalen Reorganisation unterworfen. Drei der sieben Sakramente stehen einfach zur Disposition. Dazu kommt, dass die Heilige Beichte quasi durch Nichtgebrauch abgeschafft wurde. Was bleibt? Eine protestantisierte Form der „Jesus-Gemeinschaft“, die doch irgendwie alle ein wenig glücklich machen möchte. Mit der Hinwendung an neue Themen (Umweltschutz, CO2-Minimierung etc.) gehen manche Kreise einen Pakt mit politischen Parteien ein. Gut, sollen sie machen. Die Verkündigung des Christentums ist etwas anderes: Diese Welt ist VORÜBERGEHEND. Sie ist nicht das PARADIES, sondern das „Jammertal“ der Bewährung. Eben dies sollten „ganz normale Gläubige“ heute thematisieren.

Maria 1.0: Es ist zu beobachten, dass sich viele Menschen dem Anliegen des Reform-Manifestes verbunden wissen, vor der Unterzeichnung aber zurückschrecken, um möglichen negativen Konsequenzen durch ihren eigenen Bischof oder schlechter Stimmung innerhalb ihrer Pfarrei oder an ihrem Arbeitsplatz zu entgehen. Wie nehmen Sie das wahr, und was würden Sie sich zur Verbesserung der Diskussionskultur wünschen?

Monsignore Joachim Schroedel: Der Tenor heute ist doch: Wir wollen Demokratisierung, wir wollen, dass sich alle Menschen äußern und sagen, wie sie sich die Zukunft der Welt und der Kirche verstellen. Ich selber durfte da sehr Konträres erleben. Von hoher Stelle wurde ich wegen eines harmloses Facebook-Eintrags gerügt, der noch nicht einmal eine Wort- sondern eine Symbolnotation zeigte (Daumen hoch zu einer Kritik an meinem Ordinarius), und ich bekam auch schon hilflose Post von eben diesen Menschen, die einfach „Angst“ vor Kritik hatten… Ich hoffe, dass eben genau hier Katholiken aufstehen, um sich zu beteiligen. Es kann nicht sein, dass diejenigen, die keine Stimme haben (Die so „gnadenlos konservativ“ sind…), unterliegen. Mir scheint, dass das Wort von 1989: „WIR SIND DAS VOLK“ für uns Katholiken eine neue Bedeutung gewonnen hat. Der ganze synodal-katastrophal-selbstdestruktive Prozess hätte eine Chance: Feierlich könnte der SYNODALE WEG bekennen: "Wir beenden unsere Diskussion, da der Heilige Vater die NEUEVANGELISIERUNG zum Ausgangspunkt seiner Erneuerungs-Agenda gemacht hat. Gehen wir das an!"

Das Reform-Manifest wurde am 29. September 2021 auf der Seite www.neueranfang.online/manifest veröffentlicht. Verfasst wurde es vom „Arbeitskreis Christliche Anthropologie“ - einer freien Initiative von Christen, die sich mit Anthropologie, Ethik, Philosophie, Theologie und Publizistik beschäftigen. Das Reform-Manifest besteht aus 9 Thesen: 1. Legitimation, 2. Reformkonzept, 3. Einheit mit der ganzen Weltkirche, 4. Macht, 5. Frauen, 6. Ehe, 7. Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften, 8. Laien und Priester, 9. Missbrauch.

Die Autoren des Manifest stellen dem deutschen „Synodalen Weg“ ein vernichtendes Zeugnis aus: Er verfehle „auf dramatische Weise den Ansatz wahrer Reform.“ In seiner Fixierung auf die äußere Struktur gehe er „am Kern der Krise vorbei.“ Er verletze den Frieden in den Gemeinden, verlasse den Weg der Einheit mit der Weltkirche, beschädige die Kirche in der Substanz ihres Glaubens und laufe auf ein Schisma (= die Gründung einer eigenen von Rom losgelösten Kirche) hinaus.“

Das Reform-Manifest kann unter folgendem Link unterzeichnet werden: https://neueranfang.online/manifest/#unterzeichnen

Die Leitung von Maria 1.0 Clara Steinbrecher sowie viele Unterstützer haben das Reform-Manifest bereits unterschrieben.